NFAQ
[Not-so Frequently Asked Questions]
Tanasgol Sabbagh und Josefine Berkholz von Stoff aus Luft haben gefragt:
Darf man lügen, wenn man sich selbst erzählt, muss man, kann man nicht lügen?
Ich glaube, „ich“ ist immer ein autofiktionales Narrativ. Eine Mischung aus Bekenntnis und Erfindung. Vielleicht kann man es so sagen: Wir lügen, um andere Menschen zu täuschen – und wir autofiktionalisieren, um uns unserer eigenen Wahrheit anzunähern. Oder vielleicht ist es Non-Fiction. Basierend auf allen Fakten, an die wir uns erinnern, und allen Fakten, die wir unbewusst dazuerfinden, um uns überhaupt erzählen zu können. Die eigene Wahrheit wird immer mehr sein als unsere faktische Biografie. Sie ist auch, was wir sein wollen und was wir nicht sein können oder schlimmstenfalls nicht sein dürfen.
Etwas an deinen Texten klingt immer beinahe haptisch – sind das Berührungen? Um welche Materialität geht es dir?
Es geht mir ums Dasein. Um das Dabeisein und das Erfahren. Ich mag zum Beispiel an Fotografien die Tatsache, dass es Fakt ist: Der Mensch, der das Foto gemacht hat, war bzw. ist anwesend. In ebendiesem Moment. An ebendiesem Ort. Im selben Licht. Beim selben Wetter. Vielleicht ist ihm dort etwas ganz anderes widerfahren, vielleicht hat er dokumentiert, was jemand anderem widerfahren ist. Aber er war da. Daher die Materialität vielleicht. Anwesend sein, da sein heißt für mich bestenfalls, berührt zu werden und zu berühren.
Welche Rolle spielt Schönheit in deinen Gedichten?
Schönheit ist ein wirklich schwieriger Begriff. Viele kämpfen sich daran ab. Physisch und psychisch. In meinem Archäologiestudium bin ich dem Idealbegriff der Kalokagathia begegnet, der Vortrefflichkeit einer Person, die sich im körperlich und geistig Schönen und Guten äußert. An solche Konstruktionen glaube ich nicht.
Ich finde Sperrmüll schön, Graffiti, Brücken über Gleise. Ich finde ebenso die Malerei Modiglianis schön. Es gibt ein Foto des hässlichsten Hundes der Welt. Ich finde ihn schön. In meine Gedichte findet nicht nur das vermeintlich Schöne Eingang, sondern auch das Hässliche und Gewalttätige, das für mich ausschließlich politisch begründet ist. Es ist nicht der verwahrloste Obdachlose, der durch mein Gedicht streift, der hässlich ist, sondern Verhältnisse, die ihm keinen Schutzraum lassen. Es ist nicht der Müll in den Straßen des Viertels, sondern die Frage: Warum gibt es hier weniger Straßenreinigung als in anderen Stadtteilen? Nur in der Sprache dürfen meine Gedichte nach etwas suchen, was vielleicht sprachliche und kompositorische Schönheit ist. Aber auch das ist sehr schwammig und sicherlich 100 % subjektiv.
In „Ein Faden Sisal“ scheinst du (scheint der Sprecher) auch mit einer, gegen eine Geschichte zu ringen. Was hat es mit dieser Geschichte auf sich und was setzt man ihr entgegen? (Es klingt bei dir nicht wie: eine andere Geschichte)
Es geht in dem Gedicht „Ein Faden Sisal“ um Geschichte, um koloniale Geschichte, um Kapitalismus, um Machtstrukturen und den Körper darin. Es geht auch um die eigene, persönliche Geschichte, die eine Erzählung ist, die in dieser Geschichte wurzelt und nur im Rahmen dieser Geschichte stattfinden kann. Es gibt im Gedicht keine neue oder andere Geschichte. Es gibt nur die Frage danach, die eigene Geschichte anders zu erzählen, um Widerstand dagegen zu leisten, dass diese Geschichte mich erzählt. Es geht also darum, die Autorenschaft zu reklamieren, als Akt der Selbstermächtigung. In diesem Akt ist das Denken und Nachdenken wichtig: das Erkennen, das Fühlen, das Erleben. Das Ziel ist, die eigene Geschichte zu entflechten, sich den Narrativen zu verweigern und den Körper zurückzuerobern und ihn von fremdgeschriebenen Geschichten zu befreien.
Du hast sehr, sehr viel in/über Neukölln geschrieben. Warum? In welcher Rolle siehst du dich? Bist du ein Chronist? Sind es Liebesgedichte? Der Anfang eines neuen Archivs?
Ich war einfach nur 15 Jahre lang Anwohner, ohne bestimmte Rolle oder Agenda. Ich habe und hatte nichts vor mit den Gedichten. Ich habe die Gedichte Neukölln Variationen genannt, weil ich immer wieder dieselben Motive variiert habe. Als würde ich malerische Motive variieren bzw. mittels derselben Motive meditieren. Wie die Maler auf Montmartre, die immer wieder dieselben Stadtansichten von Paris malen. Ich bin kein Chronist. Auch wenn ich jahrelang dort und darüber geschrieben habe, habe ich nur Gedichte über mein Viertel geschrieben, nicht dessen Geschichte. Ja, es sind Liebesgedichte an die Häuser, die Straßen, die Geschäfte, das Licht. Und in diesem Sinne halten sie auch manchmal Geschichte fest. Namenlose Nachbar*innen zum Beispiel tauchen auf, erscheinen und lösen sich auf, ziehen weg oder versterben.
Neukölln wird immer medial instrumentalisiert, um rechte und nationalistische Narrative zu entfalten oder um eine Gegenperspektive zu eröffnen. Ich rede in diesen Gedichten nie von Politik. Ich schreibe von Menschen, Häusern und Straßen. Von den Hunden und ihren Besitzer*innen in der Nachbarschaft. Vom Kanal. Von der Sonnenallee, den Lieferwägen oder dem Linienbus. Das ist nicht, was ich als archivierungswürdig empfinde, sondern im ersten Moment ein Bild, das ganz für sich steht. Und im zweiten Moment ist es dann vielleicht doch etwas, das auch ein Bild für etwas ganz anderes sein kann. Vielleicht wie ein niederländisches Blumenstilleben, in dem jede Blume ihre Bedeutung und Funktion hat. Aber ich will das jetzt auch nicht ausdeuten.
Zu wem sprichst du? Wenn du „du“ sagst im Gedicht oder „wir“. Generell.
Ich spreche mit mir selbst, weil beim Schreiben niemand anderes da ist. Ich bin ein bisschen wie so ein alter kauziger Nachbar, der vor sich hin brabbelt. Wenn man genauer hinhört, ist es gar nicht so wirr, sondern eigentlich irgendwie interessant. Wenn ich „wir“ sage, meine ich uns :) auch wenn wir uns nicht kennen. Noch nicht. Wir treffen uns im Gedicht. Und da begegnen wir uns dann auf Augenhöhe. Um ehrlich zu sein, sage ich auch oft „wir“, um mich weniger allein zu fühlen. Ich gehe einfach davon aus, dass ich nicht allein bin.