Meinen Händen entgleiten nicht selten
die zerbrechlichsten Dinge. Sie fallen,
von erschrockenen Blicken begleitet,
unausweichlich zu Scherben. Die Zeit

steht für einen Moment still, der ewig
währt, wie jeder Verlust, so erinnert,
wiederkehrend die Spuren des Falls
auf der Hirnrinde nachzeichnet. Spät

lieg ich manchmal zusammengekauert
da, im Dunkel zerschnitten von Linien,
geometrisch gezogen vom Anfang
hin zum Ende in mir – würde einer

jemals diese mit Tusche und Feder,
so präzise wie möglich, in schwarz
auf ein weißes Papier übertragen
läge vor ihm die traurigste Grafik.

Das Portal für literarische Weblogs in deutscher Sprache litblogs.net existiert seit 2004 und wird herausgegeben von Markus A. Hediger & Hartmut Abendschein.
Lesezeichen ist das quartalsmässig erscheinende Magazin von litblogs.net. Die AutorInnen der 16 beitragenden Blogs wählen hierzu jeweils selbst einen Text aus.

Auf diese leise Weise zeigt sich das eminente Spektrum dessen , was das Medium “Blog” ( literarisch ) zu leisten vermag . Stimmen und Stimmungen , Thesen und Themen , Poetiken und Personen , Expansionen , Reduktionen - ein undogmatisches Ensemble. (www.zintzen.org)

das grün in der stadt von Andrea Heinisch-Glück
Wetterfühlige Möbel von Markus A. Hediger
Ein gelungenes Gespräch von Mensch zu Mensch von Andreas Louis Seyerlein
gedruckt oder nicht gedruckt von Sudabeh Mohafez
Längen und Kitsch ? von Benjamin Stein
Summchöre, Streicher (notula nova 2) von Hartmut Abendschein
Ode an die Büroklammer von Ursula T. Rossel Escalante Sánchez
zurück in den schlaf von Ken Yamamoto
Nachttango von Marianne Büttiker
daß sie mir … (u.a.) von Helmut Schulze
julia und hetor von Rittiner & Gomez
ALPHABETICAL ABISH von Christiane Zintzen

Eine Inhaltsangabe der jeweiligen “Lesezeichen” mit weiterführenden Links zu den Texten ist abonnierbar.

i

erwachst du keuchend in niederungen
war etwa alles nur verträumtes gebaren
triebe der logik des rauschs unterworfen
ach lass doch den kopf nicht so hängen

ii

stellt dich die schönheit vor keine wahl
was brächtest du ihr nicht als opfer dar
der dem zusammenfügen eigenen stille
wie sag mir soll es ohne schmerz gehen

iii

bist du nach außen hin niemals sichtbar
kommst zum erliegen an deinen rändern
kaum gesetzt verhallen die schritte schon
so gib dich endgültig der flüchtigkeit hin

iv

schmiegst du dich beharrlich an kanten
ist es offenbar eine unerlässliche liebe
ich sing dir ein lied zurück in den schlaf
ach lass doch den kopf nicht so hängen

Nacht für Nacht schleppen wir
Durst und Vorstellungsvermögen
über die Taggrenze

werden trotz bedächtiger Schritte
im ständigen Straucheln
der eigenen Fallhöhe gewahr

Wie wir die blauen Stunden
zu überdauern trachten
mit halbgaren Poetiken

Kippen und Klängen
wähnt sich derjenige glücklich
den später Liebe erwartet

haftet doch unter den Sohlen
lehmig immer ein wenig
bereits überwundener Erde

lässt kein Gelebtes uns los
bevor wir nicht endgültig
das alte Paar Schuhe wechseln

64.813 Euro und 29 Cent, sagt die Dame am Bankschalter
zu der Frau, die ganz beglückt auf ihr rotes Sparbuch blickt,
dann vielen Dank und schönen Tag noch, auf Wiedersehen.

Um einiges griesgrämiger als zuvor, starre ich minutenlang
die zwei Stellen vor dem Komma auf dem Kontoauszug an,
bleibe rechts außen am Minuszeichen hängen und seufze.

Wieder auf der Straße streife ich eine Weile durch die Stadt,
suche mir irgendeinen heruntergekommenen Obdachlosen
und starre ihn solange an, bis ich mich merklich besser fühle.