Wie sehr wir auch wünschten,
dass endlich
ein Ruhen einkehre,
Tage und Nächte durchmischt
zu Wochen und Jahren,
zu einer Geschichte,
erzählbar,
wie sehr.

Kreuz und quer durchs Gelände
die Fahrten,
Notizen am Kühlschrank,
freundliche Ansichten,
die Kirchen und Täler
und die Monumente,
doch nirgends dazwischen
mein Mantel.

Wir fassten nicht Fuß
und lagen uns in den Armen,
ineinander verschränkt
tauschten wir
Kälte und Speichel,
verdeckten die Sicht.

Nur ein paar Hügel weiter
verlor eine Säule ihr Kapitell,
neigte sich
um ein Grad zuviel
ihrer Geschichte entgegen
und keinem
fiel’s auf,
wie die Voluten
sich dumpf
in die Erde gruben.

Ein Junge verkauft
kühle Getränke:
wir trinken
Flasche um Flasche,
der Durst
ebbt nicht ab,
so verdorrt sind die Felder
und keine Schatten
säumen die Straßen.

Tage und Nächte durchmischt,
wir fassten nicht Fuß
und keinem fiel’s auf.

Die Hauptstädte brodeln,
dort kocht das Blut
in den Adern
und Schweiß mischt sich
mit Schweiß,
die Jugend vergeht nicht,
kein Licht, das nicht blinkt
in die Ferne,
dort träumt es
auf dem Land sei es ruhig.

Eine Nachricht
und noch eine Nachricht
vom anderen Ende,
schon kocht das Blut
in den Adern.

Es sammeln sich Massen
in Shorts und Sandalen
um eine trauernde Mutter,
den Sohn in den Armen,
dass sie erkaltet
zu Marmor
vor Scham
und draußen flattern
eintausend hässliche Tauben.

Wir trinken
Flasche um Flasche,
der Durst
ebbt nicht ab
und lachen
und essen dabei,
dass am Ende des Tages,
die Tischdecken schmutzig
und alle Teller geleert,
wir uns in den Armen liegen,
ineinander verschränkt.

Viele Geschichten
sind keine Geschichte,
wir suchen nach Titeln,
Mosaiken verwittern
zwischen den Fingern
zu farbigen Steinchen,
zu verlorenen Bildern.

Kreuz und quer durchs Gelände
den Pass griffbereit
über Grenzen,
eintausend hässliche Tauben,
wir fassten nicht Fuß.

    7 Kommentare zu “Eintausend hässliche Tauben”

  1. [...] Ken Yamamoto in Ken Yamamoto . [...]

  2. litblogs.net | Inhalt 01/2009
    April 15th, 2009 at 08:31

    [...] Eintausend hässliche Tauben von Ken Yamamoto in Ken Yamamoto [...]

  3. Bjoern
    April 16th, 2009 at 03:43

    Guter Eindruck vom modernen Leben.
    Gruß

  4. Bjoern
    April 16th, 2009 at 03:44

    Nachtrag: ist mit Link

  5. [...] Yamamoto Ken Yamamoto : Eintausend hässliche Tauben Es sammeln sich Massen in Shorts und Sandalen um eine trauernde [...]

  6. M
    August 26th, 2009 at 01:01

    Ein meisterhaftes Gedicht, das du da verfasst hast. Insbesondere die unregelmäßige, keinem bestimmten Schema unterworfene Wiederholung besonderer Textfragmente lässt den Gedankenfluss gleichzeitig bestimmt und ungewzungen erscheinen.
    Zudem sind dir ein paar ganz großartige literarische Motive geglückt. Vor allem die Idee mit dem Mantel als Symbol für Geborgenheit und Vertrautheit finde ich sehr gelungen. “so verdorrt sind die Felder
    und keine Schatten
    säumen die Straßen.” ->macht die Allgegenwart von Licht und Hitze förmlich spürbar. Gut, dass du den Wunsch nach Schatten im Kontrast zum lyrisch überfrequentierten und kitsch-verdächtigen “Wärme-Bedürfnis” formulierst.
    “Viele Geschichten
    sind keine Geschichte,
    wir suchen nach Titeln,
    Mosaiken verwittern
    zwischen den Fingern
    zu farbigen Steinchen,
    zu verlorenen Bildern.” -> Das hat sich für mich nach mehrmaligem Lesen als die stärkste Strophe des Gedichts herausgestellt. Der Teil mit der Mutter und ihrem Sohn ist zwar noch etwas bildgewaltiger, aber er folgt nicht so sehr der inneren Logik des Gedichts wie die obige Strophe. Die “Erstarrungsszene” scheint mir eher eine Randnotiz zu sein, eine bittere Anspielung auf den “Denkmal-und Bildungstourismus”, der aber eben auch eine Facette der Lebensgier junger, ambitionierter Menschen sein kann. Mit der Mosaikmetapher aber schließt sich der Kreis: Ein rast-und atemloses Leben ohne echten Fokus, ohne Mittelpunkt, ohne etwas an dem sich die bunten Steinchen der Erinnerung im Rückblick zu einem geschlossenen Ganzen zusammensetzen könnten. Ein Leben, dass sich immer auf der Flucht vor allem Stillstand, aller buchstäblicher und metaphorischer Sesshaftigkeit, schlicht vor allem, was Bürgerlichkeit und Spiessertum und Älter-werden verheißt, befand und dabei über nichts besseres, als das, wovor es weglief, gestolpert ist. Wie es Altväter Sitte ist, chiffrierst du die eigentliche Botschaft der Lyrik dann noch mit ihrem Titel. Schon die zweite Verwendung der eintausend hässlichen Tauben wirkt wunderbar sperrig, aber als Überschrift verleitet/n sie dazu, deinen Text in eine völlig andere Richtung zu interpretieren…was vermutlich genau dein Ziel gewesen ist. Feine Sache, Herr Yamamoto.

  7. dennis
    November 9th, 2009 at 21:20

    Ja neeee, ich sach ma, sehr schön und danke, gute Gedichte sind selten auf dieser Welt.
    Peace,
    Dennis






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