KEN YAMAMOTO

Verortung 01


Es ist schon immer der selbe Stuhl gewesen,
auf dem ich von klein auf lernte, aß und schrieb,
unverrückt, leidlich gemütlich, hölzern, der selbe.

Und irgendjemandem gefiel dieser Stuhl nicht,
dass im Kleinsten, man nach und nach, unauffällig
ihn seinem Wesen entfremdete, darauf bedacht,
dass mir nichts weiter auffiel als wachsende Unrast.

Mag sein man hob, in nicht messbarer Manipulation,
die Fläche des Sitzes um den Bruchteil eines Grades,
dass ich kaum merklich rücklings in mich hineinsank,
mit jedem Tag mehr eine Verkürzung erleidend.

Vielleicht war es umgekehrt, genau weiß ich es nicht,
dass ich mit der Zeit aus mir herausrutschte vornüber,
oder dass ich stetig unweigerlich seitwärts abknickte,
sicher ist nur: Hier kann ich nicht unbeschadet sitzen.

Vier Skizzen zur Frühzeit der Fotografie

1 Table Ready: Nièpce, 1822.

Ich stell es mir so vor:
Nicéphore ist von Agnès enttäuscht.
Umgekehrt ist auch Agnès enttäuscht.
Er, weil sie nicht mal im Ansatz
die Tragweite seiner Erfindung versteht.
Sie, weil auf seiner Heliografie,
der Tisch nur für einen gedeckt ist.
Er: Begreifst du denn nicht,
Ich hab’s mit der Sonne gezeichnet!
Sie: Auch das will nicht heißen,
dass das Motiv scheißegal ist.

2 Boulevard du Temple: Daguerre, 1839.

Ich stell es mir so vor:
Ein Herr hält beim Schuhputzjungen
und lässt sich die Stiefel polieren.
Den linken zuerst,
danach auch den rechten,
dann wieder den linken
und nochmals den rechten.
Kutschen rattern vorüber –
Menschen eilen vorbei.
Und weil der Herr
einem Gedanken nachhängt,
und weil der Junge
einem Gedanken nachhängt,
vergeht eine Weile.
Die werden wohl ewig glänzen,
sagt schließlich der Junge.
Darauf der Herr:
Das sollte genügen.

3 Selbstporträt als Ertrunkener: Bayard, 1840.

Ich stell es mir so vor:
Die Welt tut ihm Unrecht
und Hippolyte wünscht sich tot.
Oh menschlicher Unbestand!
Und weil ihm die Welt Unrecht tut,
versucht er sich auszumalen,
wie es denn sei, tot zu sein.
Und weil er sich nicht ausmalen kann,
wie es denn ist, tot zu sein,
stellt er sich tot und porträtiert sich dabei.
Und als er dann sieht,
wie es aussehen könnte, tot zu sein,
lässt er es lieber.

4 Kaiser Maximilians Hemd: Aubert, 1867.

Ich stell es mir so vor:
Der Kaiser, Mejía und Miramón
stehen auf dem Glockenhügel.
Acht Soldaten legen die Gewehre an.
Es ist kurz vor sieben Uhr morgens.
Nicht auf den Kopf, bittet er,
und die Soldaten fragen,
wieso nicht auf den Kopf?
Das sieht zwar scheiße aus,
geht aber am schnellsten.
Eine hitzige Debatte bricht aus.
Zuletzt einigen sich alle
(für eine Unze Gold),
nicht auf den Kopf.
Sein Hemd aber zeigt
nur sechs Einschusslöcher.
Jeder setzt nunmal
andere Prioritäten.

Kind im Schachkurs / Weizenkörner

Ein jeder hat seinen ganz speziellen Gang.
Das ist so. Lektion Nummer eins: das bleibt auch so.

Nun stehen ausnahmslos alle Spielfiguren
zunächst in Reih und Glied geordnet da

und ja, genau da liegt auch der Hund begraben:
So kann es nicht bleiben – wir müssen uns bewegen.

Es gilt das Unabwendbare herbeizuspielen.
Etwas, am Ende des Denkens, das endgültig ist.

Es geht zuallererst um Stellungsbewertung.
Ein langfristig anvisiertes Ziel vor Augen,

ein planvoll daran ausgerichtetes Streben.
Im Schach, nicht im Leben. Uns geht es nur ums Spiel.

Es geht um einen streng begrenzten Raum
und beinah unbegrenzte Möglichkeiten,

ja, die Möglichkeit einer möglichen Möglichkeit
und deren Konsequenz im Blick zu haben.

Und du, da hinten, in der letzten Reihe
spuckst jetzt sofort den König wieder aus.

Seit jeher hier


Seit jeher, hier, Schnee.
Halt ein, es schneidet kristallen
sich eine Zäsur
in die hastenden Glieder,
dämpft alles Poltern
und Klappern der kehligen Laute.
An Keime bindet sich‘s,
weiß
und weiß
wirklich alles.
Es fallen den Kindern
in Flocken, Vokale
herab von den Lippen,
gefolgt nur von Schweigen,
von rissigem, sprödem,
das einlullt
den Tod auf der Straße
und weiß
wirklich alles.

Im Wasser,
im hexagonalen,
harrt ein Memento
gefrorener Münder,
ist leid
die hetzenden Glieder
und müde,
bindet das Rasen,
das surrende Toben
stockend ins Starre.

Im Netz
hängen wir,
da friert es nicht
weiß
und weiß
wirklich nirgends,
die zappelnden
Nullen und Einsen
täuschen uns nicht.
Wir schreiten auf Split,
im Knarzen des Tritts,
ein Memento.